Die Ausgangssituation

Als junger Krankenhausmediziner wechselt Prof. Dr. Wolfgang von Meißner in eine hausärztliche Gemeinschaftspraxis im Schwarzwald und leitet erste Schritte der Digitalisierung über eine praxisübergreifende Standardisierung der Patientenakten im Praxisverwaltungssystem (PVS) ein.

Die Versorgungslücke

Der Arzt erkennt: Nicht nur der demografische Wandel, der Hausärztemangel und die drohende Schließung von Arztpraxen gefährden die Patientenversorgung – auch bürokratische Arbeitsabläufe gehen zulasten der Zeit, die er für seine Patientinnen und Patienten hat.

Das Veränderungsklima

Mit seinem Bruder Dr. Paul Blickle startet Prof. Dr. Wolfgang von Meißner das „Reallabor“ in der Praxis – gemeinsam entwickeln sie aus dem ärztlichen Alltag digitale Tools, die vor allem die Patientenkommunikation, die Terminvergabe und die Rezeptbestellungen automatisieren.

Die Herausforderung

Für die beiden Ärzte gibt es kein Versorgungsproblem, sondern ein Kommunikationsproblem – und das wollen sie mit digitalen Tools beheben. Die technische Umsetzung von Einzellösungen ist zunächst nicht zufriedenstellend, da die Systeme nicht untereinander und nicht mit dem PVS vernetzt sind.

Die Lösung

Mit Hilfe eines Machine-Learning-Experten realisieren die beiden Mediziner ein integriertes System mit Anbindung an die Patientenakten im PVS. Heute kommuniziert das gesamte Praxisteam mit den Patientinnen und Patienten über ein digitales Ticketsystem.

Der Erfolgsfaktor

Zwei Brüder mit digitalem Pioniergeist, die ihr medizinisches Knowhow und ihren Enthusiasmus für technische Lösungen neben ihrer täglichen Arzttätigkeit nutzen, um dem eigentlichen Sinn ihres Jobs mehr Freiraum zu geben: der Versorgung von kranken Menschen. 

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Rein rechnerisch müsste es möglich sein, alle Patienten und Patientinnen in Zukunft zu versorgen und das auf einem höheren Niveau als wir das heute tun.

Prof. Dr. Wolfgang von Meißner, Facharzt für Anästhesiologie und Allgemeinmedizin, Notfallmedizin, Intensivmedizin

Der Ort Baiersbronn im Westen Baden-Württembergs

Die ländliche Gemeinde Baiersbronn mit 15.018 Einwohnern (Stand: 31.12.2025) gehört zum Landkreis Freudenstadt im Regierungsbezirk Karlsruhe, befindet sich im nördlichen Schwarzwald, ist mit einer Fläche von knapp 190 km² nach Stuttgart die zweitgrößte Gemeinde Baden-Württembergs und dank hügeliger und bewaldeter Landschaft sowie Sternegastronomie bei Touristen und Touristinnen beliebt.

Quellen: gemeinde-baiersbronn.de, wegweiser-kommune.de, destatis.de

Je digitaler wir werden, desto analoger können wir sein

Man nehme eine Praxis nebst Personal, dazu echte Patientinnen und Patienten und gründe ein „Reallabor“ für eine effiziente, patientenfreundliche und zukunftssichere Gesundheitsversorgung. Die Hausärzte am Spritzenhaus haben’s einfach mal gemacht und die organisatorischen Zeitfresser in ihrer Arztpraxis konsequent digitalisiert. Ihre neun wichtigsten Learnings – und warum KI das ärztliche Bauchgefühl nicht ersetzen kann

9 technische Tools für den digitalen Praxis-Workflow


1. Die wichtigste Connection

Grundlegend ist die Anbindung aller technischen Lösungen ans Praxisverwaltungssystem – erst die Verknüpfung mit den Patientenakten verhindert doppelte Aktenführung und bringt den gewünschten Benefit im Praxisalltag.


2. Hallo, hier spricht die Praxis-KI

Ob Termin, Krankmeldung oder Überweisung – übernimmt die KI den Anrufbeantworter, lassen sich Patientenanliegen per Auswahl-Menü automatisiert steuern oder sogar erledigen und müssen nur noch freigegeben werden.


3. Auf allen Kanälen erreichbar

Ein digitales Ticketsystem behandelt eingehende Anfragen via Telefon, Mail oder Fax von Patientinnen und Patienten sowie von Kliniken und Fachärzten gleich und macht daraus Aufgaben, die zeitnah aber zeitunabhängig bearbeitet werden.


4. Direkter Draht zum Doc

Eine Praxis-App ermöglicht die direkte asynchrone Kommunikation mit Patienten und Patientinnen per Chat, vereinfacht Terminvereinbarungen und Rezeptbestellungen, sorgt für Patientensicherheit und weniger organisatorischen Aufwand.


5. Für Jeden ein Medikamentenplan

Ein ärztlich kuratierter Medikationsplan für jeden Patienten automatisiert die Rezeptbestellungen. Anfragen von Patientinnen werden in Echtzeit mit der Patientenakte verknüpft und die Rezepte müssen nur noch freigegeben werden.


6. Darf ich um Ihre Karte bitten?

Ein Terminal zum Selbst-Einchecken per Krankenkassenkarte bringt dem Praxisempfang Zeit für die Anliegen der Patientinnen. Noch praktischer ist’s, wenn Patienten ihre Dokumente wie z.B. Befunde dort auch direkt einscannen können.


7. Mittippen übernimmt die KI

Die KI-Protokollierung von Arzt-Patienten-Gesprächen macht Behandlungen menschlicher, entlastet den Arzt bei der Dokumentation von Untersuchungen, berücksichtigt die Krankenakte und gibt Patienten die Möglichkeit zum Feedback.


8. Flurfunk ist sowas von gestern

Kommuniziert das Team auf digitalem Wege synchron oder auch asynchron miteinander, können Patienten und Patientinnen ohne Laufwege gemeinsam begutachtet, Befunde ausgewertet oder Behandlungen vom Arzt freigegeben werden.


9. New Work par excellence

Per ID-Karte und Single-Login haben alle Mitarbeitenden von jedem Arbeitsplatz und im Homeoffice datensicheren Zugriff aufs System – die Daten sind direkt  verfügbar, zugleich werden Arbeitsprozesse nachvollziehbar dokumentiert.

Die Hausärzte am Spritzenhaus nutzen die Digitalisierung so, dass die Arbeitsprozesse sehr effizient gestaltet werden. Das bedeutet, dass ich später als Arzt mehr Kapazitäten für die  medizinische Versorgung und ärztliche Entscheidungsfindung für meine Patientinnen und Patienten haben werde.

Elias Kowalski, Medizinstudent im praktischen Jahr

Interview mit

Prof. Dr. Wolfgang von Meißner

Dank Digitalisierung werden wir mehr Patienten und Patientinnen besser behandeln können 

Wie ein „Reallabor“ funktioniert, warum die Hausärzte am Spritzenhaus ihre digitalen Tools selber realisieren und welche Tipps sie Praxen und Politik geben können

Sie engagieren sich in Ihrer Praxis mit eigens entwickelten Softwarelösungen als Pioniere der Digitalisierung – warum ging das nicht mit „Lösungen von der Stange“? 

Prof. Dr. Wolfgang von Meißner: Als wir begonnen haben zu digitalisieren, haben wir ganz viele Softwarelösungen ausprobiert, teilweise auch als early adopter und Testpraxis. Wir hatten am Schluss eine Ansammlung von elektrischen Schreibmaschinen, die nicht miteinander kommuniziert haben. Unsere MFAs waren nur damit beschäftigt, per Copy und Paste die Informationen von einem Kanal zum anderen und dann in die Akte zu bringen. Was uns immer gefehlt hat, ist ein integriertes System, in dem alle Kanäle zusammenlaufen und das ist jetzt unsere Kernkompetenz. Dafür brauchten wir die Kombination aus medizinischem Knowhow im Spritzenhaus und aus der Machine-Learning-Kompetenz unseres Mitgründers Daniel Teigland in unserem gemeinsamen Start-up.

Wie läuft der Entwicklungsprozess ab?

Prof. Dr. Wolfgang von Meißner: Wir haben alle Prozesse immer zuerst analog optimiert, denn wenn ich einen Scheiß-Prozess digitalisiere, dann habe ich eben einen Scheiß-digitalen Prozess. Mein Bruder Paul Blickle und ich haben ganz viele Ideen, wie man Dinge noch effizienter machen kann. Die richtig guten Ideen kommen aber oft aus dem Team, weil die damit arbeiten. Und wir versuchen das dann gemeinsam mit unserem Machine-Learning-Team zu übersetzen in neue Workflows. Und wenn wir denken, dass wir die Lösung haben, führen wir es ein und bekommen gnadenloses Feedback. Wirklich gutes Feedback aus dem Team. Und ab und zu waren wir auch schon gezwungen, ein Update wieder zurückzuholen oder nicht ganz so schnell einzuführen.

Wie führen Sie neue digitale Tools in der Praxis ein und wie reagiert das Praxisteam auf die Arbeit in einem ständigen „Reallabor“?

Prof. Dr. Wolfgang von Meißner: Wir führen die Tools so ähnlich ein, wie man es vom Smartphone kennt – wenn da ein Update kommt, lese ich ja auch keine Release Notes, sondern ich freue mich, dass irgendein Feature jetzt besser funktioniert. Wir hatten ein ganz entscheidendes Update als der MedicBot gelernt hat, die Patienten zuzuordnen. Wir haben das Update am Sonntag eingespielt und getestet, aber wir haben beschlossen, wir sagen dem Team nichts. Als Paul und ich morgens in der Praxis waren, kam Jenny aus dem Backoffice und sagt: „Ich muss ihnen was zeigen, das glauben Sie nicht: Der MedicBot erkennt alle Namen und ich muss nur noch auf Bestätigen drücken!“ Paul und ich haben uns angegrinst und dann ist bei Jenny der Groschen gefallen. Da wussten wir: So müssen wir die Updates machen, dass die Mitarbeitenden sofort erkennen, ihre Wünsche werden umgesetzt und es gibt einen Mehrwert, den wir aber gar nicht groß erklären müssen.

Was raten Sie anderen Praxen und insbesondere Einzelpraxen, die auf Digitalisierung setzen wollen? 

Prof. Dr. Wolfgang von Meißner: Also den größten Fehler, den man machen kann, ist zu sagen, ich schaue mir an wie die Hausärzte am Spritzenhaus das machen. Und morgen mache ich das auch so. Jede Praxis muss überprüfen, wo sie die größte Zeitressource heben kann. Und ich muss immer mit einzelnen Lösungen anfangen, muss sie aber als Ganzes denken und in der Struktur schauen, welcher digitale Baustein am besten in meine analoge Welt passt. Es dürfen keine Insel-Einzellösungen sein, die in irgendeiner Form eine Parallelwelt machen, sondern muss als integriertes System funktionieren. Und gerade in der kleinen Einzelpraxis liegt das größte Potenzial, weil es dort personell keine Reserven gibt und sie am meisten von einem digitalen Mitarbeiter oder einem gemeinsamen Backoffice mit anderen Praxen profitieren können. 

Welche Leitplanken müsste die Politik setzen, um die Digitalisierung in den Praxen voranzubringen?

Prof. Dr. Wolfgang von Meißner: Mein Wunsch an die Politik ist, die Macht des Faktischen zu akzeptieren. Manche Dinge und Gesetze, die vor Jahren entstanden sind, entsprechen nicht mehr der Realität. Wir sind angekommen in einer Welt, in der wir alle künstliche Intelligenz ganz selbstverständlich nutzen. Wir können uns nicht davor verschließen, diese auch im medizinischen Bereich einzusetzen. Natürlich muss das datenschutzkonform laufen und muss entsprechend menschlich kontrolliert werden. Aber zu sagen, nur weil es Medizin ist, dürfen wir nicht das nutzen, wird nicht funktionieren. Durch den demografischen Wandel werden wir gezwungen sein, pro Arztstunde mehr Patienten zu behandeln. Dank Digitalisierung werden wir Patienten besser und durch eine Zeit- und Effizienzrendite auch mehr Patienten behandeln können. Rein rechnerisch müsste es möglich sein, alle Patienten in Zukunft zu versorgen und das auf einem höheren Niveau als wir das heute tun.

Ihre Ansprechpartner  

rund um die Geschichte des Wandels „Hausärzte am Spritzenhaus“

Jörg Artmann

Senior Project Manager Bertelsmann Stiftung Experte für Digitalisierung

Dr. Christian Schilcher

Project Manager Bertelsmann Stiftung christian.schilcher@bertelsmann-stiftung.de Experte für Beschäftigung